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Den Wein lass' ich mir nicht nehmen

Wenn es um die eigenen Trink- und Essgewohnheiten geht, scheinen wir besonders Veränderungsresistent zu sein.

"Den Wein lass ich mir nicht nehmen - wäre ja noch schöner!", höre ich im Restaurant den älteren Mann am Nebentisch zu seinen Freunden sagen. Sie sprechen über Arztbesuche.

Ich frage mich sofort: "Wer glaubst du, will dir etwas wegnehmen? Du tust dir doch etwas Gutes! Du hast die Möglichkeit Lebensqualität zu gewinnen. Niemand kann und will dich dazu zwingen keinen Wein mehr zu trinken. Dein Arzt hat dir ein Angebot zur Hilfe ausgesprochen."


Wie immer, sind extreme Beispiele am deutlichsten: Alkoholiker und Raucher Klaus sagt sich "Änder' nicht dein Leben, Klaus!". Zwar hat er massive Gesundheitsprobleme, traut aber dem Gedanken nicht, auf irgendetwas verzichten zu müssen, um Besserung herbeizuführen.


(Original-Statement von Klaus hier: Die Männer-WG auf der Reeperbahn | SPIEGEL TV)





Bei genauerem Hinschauen geht es hier weniger um Essen oder Trinken, sondern wahrscheinlich darum, dass wir Empfehlungen, die mit Verzicht zu tun haben, nicht gerne annehmen. Ziehen wir die Beobachtungen der Veränderungsresistenz in Bezug auf Verzicht auf eine höhere Ebene, können wir folgende Erkenntnisse gewinnen: Es ist schwieriger etwas wegzulassen, als etwas dazuzubekommen.

Auf ein paar Gramm Zucker zu verzichten ist problematisch, während die tägliche Einnahme von Pillen schnell zur Gewohnheit wird.

Ein zusätzliches Tool zum Zeitmanagement nehmen wir gerne an, während wir uns schwer tun Aufgabenbereiche abzugeben oder Aktivitäten sein zu lassen, um fokussierter Arbeiten zu können.

Warum fällt uns Veränderung besonders schwer, wenn sie mit Verzicht zu tun hat?

  • Verlustaversion

In der Ökonomie und Psychologie ist bekannt, dass Menschen dazu neigen, Verluste deutlich höher zu gewichten als Gewinne. Wir halten also grundsätzlich stärker an dem fest, was wir haben, als nach Neuem zu greifen.

  • Unsichtbare Auswirkungen

Wir selbst können in der momentanen Situation oft noch nicht sehen, wie groß die Auswirkungen unsere Gewohnheiten sind. Oft, weil diese Auswirkungen nicht direkt sichtbar sind. Wenn ich einen Tag lang nur Fast-Food esse, passiert … so gut wie gar nichts. Tue ich das über Jahrzehnte, sieht es schon wieder anders aus. Die Effekte unserer Gewohnheiten häufen sich an - sie akkumulieren sich - und werden oft erst nach vielen Jahren sichtbar. Wir sehen also nicht direkt, was aus unserem Handeln resultiert und daher sehen wir auch keinen Grund für akute Veränderung.

  • Gefühl von Einschränkung

Ungesunde Verhaltensweisen, wie übermäßiger Alkoholkonsum, werden als Freuden wahrgenommen oder als das, was man kontrollieren kann. Das subjektive Gefühl von jemandem bevormundet zu werden, überstrahlt die Notwendigkeit für Veränderung im eigenen Leben. Folgende Sätze, die das ganz deutliche machen, hast du sicherlich auch schon gehört.

  • "Der Arzt will mir auch noch das letzte bisschen Lebensfreude nehmen"

  • "Das lasse ich mir von niemandem verbieten"

  • "Ein wenig Spaß wird doch wohl noch erlaubt sein"

Das Gefühl uns irgendwem gebeugt zu haben, macht uns blind dafür, dass es eigentlich darum geht, unsere eigene Lebensqualität zu verbessern.

Wenn mir eine Ärztin ans Herz legt, dass ich vielleicht keine 120 Stunden die Woche mehr arbeiten sollte, dann möchte sie mir nichts verbieten, mir Lebensfreude nehmen oder mir Spaß untersagen. Die Ärztin spricht eine Empfehlung aus, die sie aufgrund jahrzehntelanger Beobachtung für erfolgsversprechend hält. Ganz wohlwollend - in meinem Sinne. Nehmen wir diese Perspektive ein, fällt es uns leichter Veränderungsimpulse, die mit Verzicht zu tun haben, anzunehmen.

  • Mangelmentalität

Habe ich ohnehin das latente Gefühl, dass mir schnell etwas genommen werden kann, fühlt sich eine Empfehlung zum Verzicht wie eine Bestätigung der eigenen Ängste an. Zuversicht und Selbstbewusstsein erlauben es hingegen auch liebgewonnene Gewohnheiten gehen zu lassen.

Essenz: Bekommen wir einen Veränderungsimpuls der mit Verzicht zu tun hat, ist das nicht gleich als übergriffige Einschränkung zu verstehen. Wenn wir den Reflex ausschalten, nur zu sehen, was wir aufgeben müssen und uns stattdessen darauf fokussieren, was wir gewinnen können, kann uns Veränderung gelingen.

Durch welchen Verzicht hast du zuletzt stark profitiert?

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