top of page

Risikolust

Aktualisiert: 15. Apr. 2023

Diabetes Typ 2, täglich 3 Gläser Wein und im Winter ganz viel Wert darauf legen, dass man einen Schal trägt.


Ein Leben lang kein Sport getrieben, sich ungesund ernährt und dann im Restaurant einen Riesenaufstand machen, weil man im Windzug sitzt und das auf den Nacken gehen könnte.

Stolz wird verkündet: “Ich achte immer drauf, dass mir nicht zu kalt wird!”. Herzlichen Glückwunsch, du hast die wahrscheinlich kleinste Gefahr für deine Gesundheit minimal eingedämmt.


Ich überzeichne hier ganz bewusst Beispiele, die den Kern meiner Beobachtung treffen. Sieht denn keiner den Elefanten im Raum? Die größten Risiken für das eigene Leben werden einfach ignoriert. Anstatt dessen, wird sich mit Hingabe auf Kleinigkeiten konzentriert.


In Unternehmen habe ich es mehrmals folgendermaßen erlebt: Der stark übergewichtige, ketterauchende Sicherheits- und Gesundheitsbeauftragte geht durch die Büros und weist Mitarbeiter mit bedeutungsschwangerem Blick darauf hin, dass die Stromkabel auf dem Boden eine große Stolpergefahr darstellen und das diese umgehend verlegt werden müssen. Diese Person ist darin geschult, die kleinen Risiken sofort zu erkennen und ist für die eigene, lebensbedrohliche Risikobelastung scheinbar völlig blind. Mir ist schon bewusst, dass ein Sicherheitsbeauftragter einer Firma nur für das Erkennen bestimmter Dinge vergütet wird. Trotzdem ist das Bild doch verrückt. Da stehen riesige Überlebensrisiken im Raum und wir beachten sie nicht, weil wir uns gerade im Kontext "Arbeit" befinden.


Ich stelle mir gerne Außerirdische vor, die dabei zuschauen, wie ein adipöser Sicherheitsbeauftragter durch die Räumlichkeiten eines Unternehmens geht - vorbei an teilweise gestressten, chronisch kranken, dauersitzenden und mangelernährten Menschen. Die Außerirdischen hören das Ergebnis der Risikoanalyse: "Die Rauchmelder hängen nicht dicht genug beieinander". Ich stelle mir vor, wie sich die Aliens dann erstaunt anschauen und sich wundern, was wir Erdlinge hier wohl treiben.

Schauen wir es uns so objektiv an, wie es geht. Die schlimmste Risikoauswirkung für jeden von uns ist der Tod. Stellt sich die Frage, welche Risikoereignisse - also Todesfälle – uns am wahrscheinlichsten treffen. Statistisch sah es in den letzten 30 Jahren weltweit so aus:



In Deutschland sieht das Bild ähnlich aus:



Die Hauptrisiken für unser Leben sind also: Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, gefolgt von Lungenwegserkankungen weltweit und Demenz in Deutschland. Die Daten für die Jahre nach 2019 sehen trotz der Corona-Pandemie nicht wirklich anders aus.


„Die häufigste Todesursache (Einzeldiagnose) war bei Männern wie Frauen gleich: Es handelte sich um die chronische ischämische Herzkrankheit. Sie wird meist durch eine Arteriosklerose ("Arterienverkalkung") verursacht“, so die Bundeszentrale für politische Bildung über das Jahr 2021 (Quelle: https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/datenreport-2021/gesundheit/330112/todesursachen/).


Die Maßnahmen, die wir ergreifen können, um das eklatante Risiko einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu minimieren sind wohl jedem bekannt: regelmäßige Bewegung in der Natur, gesunde und ausgewogene Ernährung und das Eindämmen von Stress. Schon beim Durchlesen schlafen wir fast ein, weil wir es so oft gehört haben. Auch ohne fundierte medizinische Kenntnisse, zählt es mittlerweile zum Allgemeinwissen, dass wir auf diese Weise die größte Gefahr für unser Leben reduzieren können. Für alle, die sich auf dieses Wissen nicht verlassen möchten, gibt es eine interessante Statistik. In der folgenden Abbildung sehen wir, wie viele Tode in Deutschland hätten verhindert werden können, wenn bestimmte Risikofaktoren ganz oder bis zu einem Optimum reduziert worden wären:



Die Ursachen der Todesereignisse sind hauptsächlich: zu hoher Blutdruck, zu hoher Blutzucker, Rauchen und Übergewicht.


Das sind die Risikofaktoren, die wir in unserem Leben angehen dürfen und das lange bevor wir uns über herumliegende Kabel in Unternehmen oder Windzug in Restaurants unterhalten. Folgendes Bild drängt sich auf: Wir stehen in einem Käfig hungriger Löwen und reden darüber, dass wir uns unbedingt vor Hausmücken schützen müssen.


Mir geht es nicht darum den Gesundheitsapostel zu spielen. Hier geht es darum, den Tatsachen ins Auge zu schauen, um wirklich positive Effekte im Leben zu erzielen.


Verlassen wir die Überlebensperspektive und schauen uns den Umgang mit Risiken in einem kleineren Lebensausschnitt an. Für IT-Projekte sind die größten Risikofaktoren im Grunde genauso bekannt, wie die oben genannten für unsere Gesundheit. Es sind:


• Mangelhafte Kommunikation

• Unklare Ziele und damit einhergehend falsches Vorgehensmodell

• Ausfall von zentralen Mitarbeitern mit Nischenfähigkeiten


In den Projekt-Risikolisten der Unternehmen findet sich alles Mögliche wieder. Die größten Risikofaktoren zählen selten dazu.


Vielleicht ist es gar nicht die Konkurrenzfirma nebenan, die das größte Risiko für mein Unternehmen darstellt, sondern ein anderes Geschäftsmodell oder eine neue Technologie. Als Fahrradhändler war es z. B. in der jüngeren Vergangenheit weniger relevant zu schauen, was die Konkurrenzwerkstatt um die Ecke anbietet, sondern zu beobachten, wie sich der Online-Handel entwickelt.

Im Marketing und der Kundenbetreuung ist „ChatGPT“ ein Beispiel für ein großes Risiko, was sich nicht direkt vor unseren Nasen entwickelt. Die, mit Hilfe künstlicher Intelligenz automatisch erzeugten Texte, könnten einen Umbruch in ganzen Branchen darstellen.


Manche Risiken scheinen so groß zu sein, dass wir sie gar nicht mehr benennen. Liegt es daran, dass wir davon ausgehen, dass sie sowieso jeder kennt, oder daran, dass uns keine Lösung einfällt?


Folgende Gründe könnten es sein:

  • Die Ursache-Wirkungs-Kette von einigen Risiken ist einfacher zu verstehen, als die von anderen. Die Gefahr, die von einem Sturz ausgeht ist offensichtlicher, als die sich über Jahre langsam aufbauende Lebensbedrohung durch starkes Übergewicht. Wir befassen uns eher mit den Risiken, deren kausale Zusammenhänge wir besser erkennen können.

  • Wir unterschätzen die wirklich großen Risiken, weil wir mit den kleinen direkt vor unserer Nase so beschäftigt sind. Das altbekannte Phänomen, dass wir unwichtige dringliche Dinge eher angehen, als Wichtige, die nicht so dringlich sind.

  • Die Minimierung der Eintrittswahrscheinlichkeit oder der Auswirkungen großer Risiken kann sehr aufwendig sein. Wir dürfen hierzu in vielen Fällen unsere grundsätzliche Herangehens- oder Lebensweise ändern. Bevor wir uns das antun, kümmern wir uns lieber um Bedrohungen, die mit weniger Aufwand zu handhaben sind. Vielleicht machen wir eher die Dinge, die wir schnell und einfach lösen können.


Essenz: In der Konfrontation mit den eigentlich größten Risikofaktoren in unserem Leben und unseren Projekten liegt ein unglaublich großer Hebel der unser Leben und unsere Projekte gesünder machen kann. Die Kunst besteht darin, sich nicht von kleinen Risiken ablenken zu lassen, auch wenn diese einfacher zur minimieren sind.

Was sind die wirklich großen Risiken in deinem Leben?

Comments


    ©2025  AJARI-Institut

    bottom of page